Bauchtanz-Neulinge stehen oftmals fassunslos vor der Vielzahl an Tanzstilen des Mittleren Ostens. Orientalischer Tanz entstammt vielen Wurzeln - somit erklärt sich auch dessen Vielfalt. Und gerade diese Mannigfaltigkeit macht diese Tanzgattungen so interessant und anziehend.
Raks Sharki
Ein geschichtlicher Rückblick
Obwohl die Ursprünge dieses Tanzes im Dunkeln der Vergangenheit liegen, wird Bauchtanz als urzeitlicher Tanz angesehen, der sich im Laufe der Jahrtausende durch verschiedene nordafrikanische und alt-orientalische Einflüssezu dem entwickelt hat, was wir heute unter diesem begriff verstehen. Die Goldene Äre dieser Kunstform finden wir in der Mitte der 20er Jahren dieses Jahrhunderts in Kairo (siehe oben). In der heutigen Zeit hat dieser Tanz einen großen Kreis an Liebhabern und erfährt ständig neuen Zulauf.
Die Arabische Bezeichnung Raqs Sharki - die aktuelle Bühnenperformance und Baladi - sein folkloristische Pendant. Raqs Sharki - als "Tanz des Orients" und Balladi - als "ländlich" übersetzt, beziehen sich beide auf Rhythmen, Tanzstile und Trachten bzw. Kostüme aus dem Ägyptischen Kulturkreis.
Im neunzehnten Jahrhundert - der großen Zeit der Orientalisten - besuchten hauptsächlich französische Reisende den Orient und wurden Zeuge der fremdartigen und ungewohnten Bewegungen des Balladi, den sie als "danse du ventre" oder auch Bauchtanz titulierten. Diese Bezeichnung war unzutreffend, da im Grunde der gesamte Körper - unter anderem auch Kopf, Schultern, Arme und Brustkorb - eingesetzt wurden.
Im vorigen Jahrhundert wurde der Ägyptische Balladi hauptsächlich unter freiem Himmel bei Festen, in privaten Haushalten und Kaffeehäusern getanzt; oder als Bestandteil von Hochzeitszeremoniern praktiziert. Die Bewegungen kamen grundsätzlich aus der Hüfte und den Schultern. Hinzu kam, dass der Balladi hauptsächlich improvisativ angelegt war und auf relativ kleinem Platz getanzt wurde.
Das typische Tanz-Outfit bestand aus einem bodenlangen Kleid mit Hüftschal und oft auch einem Kopftuch. Üblicherweise wurde die Tänzerin von Instrumenten wie Trommeln, Tambourinen, Flöten und Ouds.
Ausgehend von diesen folkloristischen Tänzen durchlebte der Orientalische Tanz vielfache Wandlungen. In den Jahren nach dem 1. Weltkrieg erlebte z.B. die NightClub-Szene Ägyptens einen wahren Boom und Kairo wurde das kulturelle Drehkreuz der arabischen Unterhaltungskultur. Westliche Attituden und Modeströmungen infiltrierten den Nahen Osten. Es ist die Ära, in der Hollywood die Filmwelt dominierte und dies beeinflusste auch die Arabische Filmindustrie, wie auch die Orientalische Tanzszene.
Der Orientalische Tanz wurde erst recht gesellschaftsfähig, als die ersten Belly Dance Superstars den Weg auf die Bretter der Welt fanden (siehe dazu auch die Rubrik "Legenden, Stars & Sternchen")
Casino Opera
Der neu aufgetauchte Cabaret-Stil breitete sich rasant in den frühen 20er Jahren in den NightClubs Beiruts, Algiers und Kairos - ein Tribut an das westliche Publikum. Der halbseidene Charakter verlor sich, als die in Syrien geborene Schauspielerin und Tänzerin Badia Masabni ihren Club, the Casino Opera eröffnete. Von nun an hielten unter anderem auch folkloristische und traditionelle Strömungen - wie z.B. Baladi - Einzug in die Welt der Bühnenkunst.
Die Shows im Casino Opera Club umfassten ein großes Show-Repertoire, das stark von westlichem Geschmack und Stil beeinflusst war. Im Gegensatz zu den herkömmlichen Soli oder Duetten trinierte Masabni ihr Ensemble mit ihr selbst als Vortänzerin.
Sie erweiterte die Formensprache des Baladi, fügte neu Bewegungsbestandteile - wie z.B. Oberkörperarbeit und Schlangenarme (im tradtionellen Baladi sind die Arme statisch) - hinzu. Desweiteren integrierte sie moderne Choreographiearbeit und berücksichtigte auch die Raumaufteilung; verwendete den Schleier nun auch beim Baladi als Stilmittel (als Konzession an die romantisch-orientalistische Sichtweise der Jahrhundertwende)
Auch in der Austattung der Kostüme vollzog sich ein Wandel. Das Baladikleid mutierte zum noch heute gebräuchlichen Bauchtanzkostüm mit BH-Oberteil und Gürtel...
Einen wichtigen Einfluss hatte Masabni'sauch auf zwei ihrer wichtigsten Protégés: Samia Gamal and Tahia Carioca, die zu den meistgefeiertsten TanzStars jener Zeit wurden. Nicht zuletzt begründet ihre Präsenz in vielen Hollywood-Filmen ihren nachhaltigen Einluss auf die orientalische Tanzkultur.
The Golden Age Of Egyptian Dance
Samia Gamal war die erste orientalische Tänzerin, die hochhackige Schuhe auf der Bühne, anstatt wie bisher üblich barfuß oder mit Slippern zu tanzen - mit der Begründung, sie wolle nicht, dass die Leute denken, sie könnte in solchen Schuhen nicht laufen...
Dies veränderte den ganzen Tanzstil insofern, dass der Schwerpunkt der Tänzerin nach oben verlagert wurde. Die Bewegungen wirkten nun balletthafter und kapriziöser.
Wendy Buonaventura beschreibt in ihrem Buch "Serpent of the Nile" (Interlink Books, 1998, New York) den Tanz dieser Zeit folgendermaßen: "Ausschnitte alter ägyptischer Spielfilme zeigen uns, wie der Balladi aussah als er seine traditionelle Form einbüßte. In jenen Tagen war der von seinen herausragendsten Vertreterinnen dargebotene Cabaret-Tanz als Raqs al-hawanem (Tanz der Damen) bekannt. Die Nuancen dieses Stils sieht man am deutlichsten in alten Filmausschnitten mit Tahia Carioca. Sie verbindet Zurückhaltung und Schicklichkeit mit einem außerordentlich süßen Gesichtsausdruck und einem eher geheimnisvollen Lächeln.Der Stil ist verhalten sinnlich, doch er hat immer noch die Erdverbundenheit und Schwere des traditionellen Balladi."
Im Gegensatz dazu hatte Samya Gamal den Stil durch ihren Ballett Hintergrund stark beeinflusst - expressiver in der Armführung mit einem Gefühl der Leichtigkeit und des Glamour. Eine andere sehr bekannte Vertreterin jener Zeitwar Naima Akef, welche eine überzeugende Synthese vom alten und neuen Stil präsentierte.
(Die Film-Edition "Stars Of Egypt" von Hossam Ramzy zeigt Ausschnitte alter Ägyptischer Tanzfilme - Viele Stücke lehnen sich an die alten Fred Astaire Filme an und ahmen deren Scene-Set in Dekoration und Garderobe nach. Andere Ausschnitte wiederum zeigen das traditionelle Erbe des Raqs Sharki.)